, Volksstimme, Lara Uebelhart

Othello, so nah wie noch nie

«SissachLive» bringt die Oper vom Konzerthaus in die Fabrik. Am Freitag erklangen in der Oberen Fabrik Töne und Worte, die sonst meistens in den grossen Kulturhäusern der Städte zu hören sind. Die «boxopera» brachte mit «Othello» ein Musiktheater mit Worten aus dem 17. und Klängen aus dem 19. Jahrhundert auf die Bühne.

«SissachLive» kredenzte am Freitag in der Oberen Fabrik wieder einen kulturellen Leckerbissen. Dieses Mal wurde das Publikum mit einem Musiktheater der «boxopera» beglückt, das einen Klassiker der Opern- und Theatergeschichte auf eine ganz neue Art inszenierte. Denn das Ziel der «boxopera» liegt genau darin, mit ihren Inszenierungen Neuland zu betreten. So kombinierte das Ensemble zwei Othellos, die rund 200 Jahre auseinanderliegen und sich trotzdem auf eine Weise ganz nahe sind. Denn sie teilen ihre Themen, wie Eifersucht, Intrige und Gewalt, die an Aktualität nichts eingebüsst haben.

Das Stück spielte immer wieder mit Elementen der Reduktion. Die Bühne war klein und bestand bloss aus ein paar Blöcken und einem Spiegel, der im Zentrum stand. Ein weiterer Blickfang war der Konzertflügel, der sich am Rand der Bühne befand und das Geschehen durch den Pianisten gekonnt musikalisch begleitete.

Häufig waren die Figuren eher statisch und drückten sich primär durch Musik und Sprache aus. Durch die Logik des Stücks, die zum Ziel hatte, das Innere Othellos nach aussen zu kehren und ihn zum Mittelpunkt der Tragödie zu machen, konnten die Zuschauenden beinahe durchgehend dem ringenden Othello zusehen, der durch die anderen Figuren mit sich selber konfrontiert wurde.

Nicht nur das. Auch musste sich Othello mit einem Alter Ego herumschlagen. Und hier trat auch ein weiteres Merkmal der Bearbeitung durch die «boxopera» klar hervor: die Anwendung von Dualismen. Denn der zweite Othello sprach plötzlich deutsch und in den Worten Shakespeares. Damit wurden während des Stücks immer wieder Brüche erzeugt, unter anderem durch den Wechsel von Italienisch auf Deutsch und vom Gesang zur gesprochenen Sprache.

Begeisterung des Publikums
Mit «Othello» wurde in der Oberen Fabrik ein zweistündiges Musiktheater gezeigt, das sich nicht scheute, Welten aufeinanderprallen zu lassen und Grenzen der traditionellen Oper auszuweiten oder gar zu sprengen. Die wenigsten der Zuschauenden hatten wohl bisher die tragische Geschichte Othellos aus einer so geringen räumlichen Distanz und auf diese «out of the box»-Weise erlebt, und das schien beim Publikum sehr gut angekommen zu sein. Das Ensemble erhielt für den Abend einen tobenden Applaus und Standing Ovations des gesamten Saals.

Vor der Aufführung hatte sich Anita Crain Biedert, Präsidentin des Vereins «SissachLive» ans Publikum gewandt. Sie erklärte, weshalb der Verein das Stück «Othello» der «boxopera» in sein Programm aufgenommen hatte. Sie wünsche sich ein dezentralisiertes Kulturangebot, also ein Angebot, das nicht nur in ein paar wenigen Zentren aufblüht, sagte Crain. Ziel sei es, qualitativ hochstehende Kultur auf dem Land anzubieten. Das Musiktheater «Othello» in einer ehemaligen Fabrikhalle im Oberbaselbiet hat auf jeden Fall zu diesem Vorhaben beigetragen.